Ohnmacht und Drama #pastweeks03

 Ich fühle mich entwürdigt und ohnmächtig zugleich. Ich fühle eine unglaubliche Leere in mir, die gerade keiner schließen kann. Ich fühle mich einfach nur unendlich einsam. Und ich fühle eine unglaubliche Scham in mir. Was in den letzten Tagen geschehen ist, fällt mir schwer zu beschreiben. Ich mag eigentlich nicht auf sie zurückblicken. Ich erinnere mich, dass da auf einmal Worte waren, die wie Messer in meine Brust stachen. Sätze, die mir den Boden unter den Füßen wegzogen. Die nun ausgesprochene Realität wurde, die ich bis zuletzt erfolgreich verdrängt hatte. Weil ich sie einfach mal wieder nicht wahrhaben wollte. Wieso nur?

 Warum ist das schreckliche immer die Realität? Wieso kann nicht die unendliche, vollendende Liebe die Realität sein? Ich sehe sie doch auf den Straßen, in den Herzen, auf den Lippen anderer Menschen. Diese Liebe scheint es zu geben, doch nicht für mich. Für mich gibt es nur Blaulicht, grelles Licht und eine Infusion. Ein ekelhafter Krankenhausmantel, der von hinten verschließbar ist. Unendliche Einsamkeit, wenn man im Krankenhausbett liegt und langsam begreift, was gerade geschehen ist. Was man getan hat. Was man gefühlt hat. Wut. Eine unglaubliche Wut. Zerstörungswut. Gegen alles. Vor allem gegen sich selbst. Sich etwas antun, das wäre jetzt das Beste. Handeln ohne die Konsequenzen zu beachten. Um es dann kurze Zeit später zu bereuen. Bis es irgendwann vielleicht kein Bereuen mehr gibt. Weil es dann nichts mehr gibt. Kein Ich mehr. Einfach gar nichts mehr. Aber soll es wirklich so weit kommen? Muss es wirklich so weit kommen? Dann kann man nichts mehr ändern. Und das wäre schade. Sehr, sehr schade. Und was war jetzt so schlimm? Was war so dramatisch? Das Drama muss leben, es muss leben in mir. Es lebt sich aus in mir. Es wütet in mir wie ein Monster, was aus seinem tiefen Schlaf erwacht wurde. Es ist wütet, weil es geweckt wurde und jetzt muss es sich austoben. Und ich muss grade dafür stehen. Ich muss es aushalten. Bis es wieder zur Ruhe gekommen ist und wieder in seinen hundertjährigen Schlaf verfällt. Ich sehe die zerstörte Landschaft, die Ruinen, den Rauch, alles was kaputt geschlagen und nieder gemacht wurde. Ich sehe auf einmal fremde Gesichter vor mir, sehe in ihre Augen, nehme war, dass sie mich wahrnehmen. Mich angucken, sich Fragen stellen über mich. Im Stillen. Was ich hier mache. Ich bin doch noch so jung. Blutjung. Alte Seelen, müde und verbraucht sind sie, stehen mir gegenüber und wollen mir das Leben erklären. Das ich als junger Mensch, als junge attraktive Frau gar keine Sorgen haben muss. Ich begreife, was sie meinen, doch sie verstehen mich nicht. Auch ich darf Probleme haben. Ich will ihnen mein Recht erklären, doch verstehen sie es nicht.

Auch scheue, neugierige, misstrauische und misshandelte Seelen kann ich wahrnehmen. Ihr Leid dringt tief in meine Poren und tief in die Ritzen der alten Hausfassade ein. Wie ein Hauch legt es sich über die Haut. Und lässt einen nicht mehr los.  Und auch wenn es nur ein Hauch ist, wie der Morgennebel über dem Feld, fühlt es sich an wie hundert Ziegelsteine, die man auf seinem Rücken tragen muss. Doch das Leid lässt sich teilen. Dann ist es wenigstens nur noch halb so schwer. Durch ausgesprochene Worte, die warm und weich sind. Die in eine Wiege gelegt werden, wie ein neugeborenes Kind und man diese wie einen Säugling seicht hin und her wiegt und sicher behütet. Durch ein Lächeln auf den Lippen, von einem längst totglaubten, den man nach Jahren des Wartens und Trauerns wiedersieht und in seine Arme schließt. Und auf einmal schwindet die Ohnmacht und man fühlt wieder seine Gliedmaßen. Wie wenn man in einem Labyrinth endlich den Ausgang entdeckt, den man solange vergeblich gesucht hat. Wie wenn man nach einem jahrlangen Schlaf aus dem Koma erwacht. Und vielleicht hat das Leben doch wieder einen Sinn. Sinn. Das ist ein Wort, welches mein Leben wieder neu erweckt und wie eine Knospe im Frühling einer wunderschönen Blume empor wächst.

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