Hallo Depression

 Hallo Depression. Da bist du wieder. Du hast nicht angeklopft, mir vorher keine Nachricht geschrieben, dass du bald wieder hier sein wirst, nein du bist auf einmal wieder hier. Du kommst immer dann, wenn ich dich nicht erwarte oder ich dich am wenigsten gebrauchen kann. Du sagst mir nicht wie lange du bleibst. Du machst was du willst, wie es dir gefällt, wie es dir passt. Du fragst mich nicht um Erlaubnis, fragst nicht was ich gerne möchte, sondern wenn du hier bist, wird nach deinen Regeln getanzt. Okay. Dann bleiben wir beide eben zusammen zuhause, liegen im Bett, schauen einen Film oder eine Folge nach der anderen, waschen uns nicht, kümmern uns nicht um den Sonnenschein, der draußen ist. Meine Pläne, die ich schon vor Tagen schmiedete, werfe ich für dich über Bord, die Termine die ich eigentlich hätte, sage ich für dich ab.

 


 Du kommst ohne viel Ansprüche. Das Leben dort draußen brauchst du nicht, sagst du. Es ist dir irgendwie zu bunt, zu lebendig, zu lebensfroh. Das raubt dir Energie und mir auch, wenn du hier bist. Kochen findest du überflüssig. Lieber ein paar Pommes von der Dönerbude um die Ecke holen, das reicht dir völlig aus. Doch du bist nicht hungrig. Du schaffst gerade mal die Hälfte und isst die andere kalte Hälfte einfach am nächsten Tag am besten zum Frühstück, weil alles andere viel zu aufwendig wäre. Du legst nicht viel Wert auf Schönheit. Wenn ich mich schminke, ist alles eh nach zehn Minuten wieder durch Tränen verwischt. Schöne Kleider sind dir egal, ein schmutziges T-Shirt, eine Jogginghose mit Ketchupflecken drauf, das findest du gut. Wollsocken sind auch noch okay für dich. Du legst nicht viel Wert auf Sauberkeit. Du fühlst dich im Chaos und in der Unordnung am wohlsten. Wofür soll man das denn alles machen, fragst du dich. Es wird doch eh alles wieder unordentlich, mach dir deswegen nicht die Mühe, deine Wohnung zu putzen. „Weil ich mich dann wohler fühle“, antworte ich dir, aber warum soll man sich denn schon wohlfühlen? Du fühlst dich doch eh am wohlsten wo ich bin, sagst du mir. Ich denke nicht, dass ich das als ein Kompliment auffassen sollte. Denn obwohl du mir treu bist, mag ich dich nicht. Ich bitte dich zu gehen, aber du bleibst stur. „Du musst mich aushalten“, schreist du mir zu. „Das Leben ist kein Wunschkonzert!“ Und da hast du Recht. Nein, das Leben macht immer dann genau alles anders, wenn ich dabei bin Pläne für die Zukunft zu schmieden. Wenn ich mich in meinen Gedanken bade, wenn ich daran denke, was für tolle Seiten das Leben zu bieten hat, wenn ich daran denke, was ich noch alles erreichen will und mit wem ich meine Zukunft verbringen möchte. Dann kommt das Leben und macht mir einen Strich durch die Rechnung, es sitzt da und lacht mich aus, wie ich nur so naiv sein konnte. Steckt ihr, du und das Leben, eigentlich unter derselben Decke? Habt ihr euch gegen mich verschworen? Sitzt ihr kichernd zusammen und macht euch über mich lustig? Manchmal denke ich, ja genau das macht ihr beide. Du scheinst keine Schwäche zu haben. Du schwächst mich und das ist deine Stärke. Manchmal denke ich, dass ich dich überlisten und einfach raus in die Stadt gehen kann, unter Menschen gehen kann umso die Lebensfreude zu mir einzuladen. Dass du mich vergisst, wenn du so im Bett liegst, schläfst oder das Internet durchforstet nach sinnlosen Videos oder Nachrichten. Aber dann, wenn ich in der Bahn sitze, mich unter die Menschen mische und ich merke, dass der nächste Tränenschwall kommt und sofort die Flucht wieder nach Hause antreten möchte, merke ich, dass du doch mitgekommen bist. Still und leise bist du mir hinterhergeschlichen und jetzt sind wir zusammen unterwegs und du motzt jeden Menschen an, der mich anspricht. Und am meisten motzt du mich an. „Siehst du, hab ich dir doch gesagt, dass das Leben hier draußen nichts für dich ist“, motzt du mich an. „Geh lieber nach Hause mit mir, dort können wir alleine sein und uns zusammen über die schrecklich fröhlichen Menschen und den grellen Sonnenschein aufregen. Du hast sicher schon einen Sonnenbrand von der vielen Sonne bekommen. Schatten ist besser für dich.“ Du trichterst mir einen negativen Glaubenssatz nach dem nächsten ein, bis ich ihn glaube. „Schau, die anderen sind eh viel schöner und klüger als du, da kannst du eh nicht mithalten. Das schaffst du eh nicht, das ist viel zu schwer für dich. Das kannst du nie erreichen, dafür hast du nicht die nötigen Fähigkeiten. Glaubst du wirklich, dass jemand ernsthaft an dir interessiert ist? Ich denke ja nicht. Und eh, allein sein ist eh viel besser.“ Vielleicht hast du ja recht, denke ich mir. Ich schaff ja noch nicht mal die einfachsten Sachen. Vielleicht bleibe ich wirklich einfach zuhause und überlasse das Leben, den anderen Leuten, die das wirklich können. Und dann sitzt du da, neben mir, lachst mich an und sagst, ja genau das ich das richtige für dich. Für mich. Das Leben verstreichen lassen. Aber warum sagst du das alles zu mir, frage ich dich. Du willst mir doch nichts Schlechtes, anwortest du mir. Du bist nur besorgt um mich. „Ich habe nur Angst um dich, ich will nicht, dass dir etwas zustößt, merkst du nicht, dass ich dein Freund bin?“ „Wer bist du?“, frage ich dich. „Ich kann dich spüren, ich merke, dass du hier bist, aber ich sehe dich nicht.“ Du siehst mich an und fängst an zu lachen. „Merkst du nicht wer ich bin? Ich bin ein Teil von dir. Ich bin deine Gedanken, ich bin deine Sorgen, ich bin deine Ängste. Ich bin nie weg. Du willst sehen wie ich aussehe? Dann nimm dir einen Spiegel und sieh hinein.“ Und als ich in den Spiegel sah und mich betrachtete, wurde mir klar: Du bist ich und ich bin du.

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