Tokophobie

 Toko… was? Was genau bedeutet das? Ich möchte dieses Mal ein Thema behandeln, welches für mich neu ist, mich dennoch in den letzten Jahren immer wieder beschäftigt hat ohne, dass ich es wirklich wusste. Schwangerschaftsparanoia. Die Angst davor schwanger zu werden oder schwanger zu sein. 

 

 

So wirkliche Angst schwanger zu sein hatte ich genau zweimal bis jetzt in meinem Leben. Das erste Mal war ich Zwanzig. Ich hatte mich auf ein Erlebnis mit einem Mann eingelassen auf das ich im Nachhinein nicht wirklich stolz bin, ich kann dazu nur sagen, dass ich damals sehr schwach war und ich mich schnell um den Finger wickeln ließ… Dieser Mann war berüchtigt für seine vielen Bettgeschichten, dass er fast jede Frau ins Bett bekam, die er wollte und schon fast jede gehabt hatte. Die Frauen waren in den Erzählungen der anderen natürlich alle selbst schuld, dumm und irgendwie auch Schlampen, nun gut, ich war dann eine von ihnen. Ich schämte mich im Nachhinein in Grund und Boden, dass ich es auch noch zugelassen habe, es ohne Kondom zu versuchen, natürlich mit seiner Versicherung, dass da nichts schiefgehen konnte. Dennoch hatte ich danach Zweifel und sagte ihm das auch, also sind wir ein paar Tage später zur Apotheke und haben mir die Pille danach besorgt. Damals hatte ich meinen Zyklus noch nicht gut im Blick und wusste nicht, ob es vielleicht doch schon zu spät sein konnte. Die Zeit des Wartens war der reinste Horror, zumal ich dem Mann von meiner Vermutung erzählte und er mir drohte, dass ich nie wieder ein schönes Leben haben würde, wäre ich wirklich schwanger von ihm und ich es nicht in Erwägung ziehen würde, abzutreiben. Das machte mir damals wahnsinnig Angst, dass ich einer möglichen Abtreibung zustimmte um sicher vor ihm zu sein, obwohl das meiner damaligen Ethik und Moral widersprach. Zum Glück trat meine Regelblutung damals schon eine Woche früher als erwartet ein, sodass ich noch einmal glimpflich davongekommen war.

Das zweite Mal war es aber eben nicht so. Knapp fünf Jahre später, mittlerweile war ich 24 Jahre alt, das Kondom war gerissen, einen Tag vor meinem Eisprung, so zeigte es mir die App zumindest an. Mein Sexualpartner versuchte mich zu beruhigen und meinte, dass nichts passiert sein könnte, aber ich muss zugeben, ich habe mittlerweile nur noch wenig Vertrauen in Männer, die mir versichern, dass schon nichts passieren wird. Also bin ich am nächsten Morgen in die Apotheke und habe mir die Pille danach geholt. Es verschaffte mir Erleichterung, dass eine Hormonbombe meine Gebärmutter von innen reinigt und ich somit auf der sicheren Seite war. Ich konnte es dennoch nicht unterlassen, meinen Körper auf sämtliche Symptome in dieser Zeit zu untersuchen. Der Gedanke, dass die Pille danach doch nicht gewirkt haben könnte war immer präsent. Ich werde meistens schon Tage vor dem Einsetzen der Regelblutung mit prämenstruellen Symptomen gequält, Unterleibsschmerzen, empfindliche Brüste, Blähungen, Durchfall usw. (viele der Symptome können aber auch eben auf eine Schwangerschaft hindeuten). Dieses Mal spürte ich davon aber nichts. Zudem verfärbt sich ein bis zwei Tage vor der Periode mein Urin schon leicht rötlich und kündigt somit meine Blutung an, aber auch davon ließ sich nichts blicken. Ich kenne die Symptome und Zeichen meines Körpers mittlerweile ziemlich gut, deswegen begann ich mir langsam zunehmend Sorgen zu machen. Mein Zyklus ist eigentlich immer sehr zuverlässig, es gibt selten Verspätungen, auch nicht bei besonderen Lebensumständen wie Stress oder sonstiges. Ich bin generell eine Gefühlsbombe auf zwei Beinen, wenn sich mein Zyklus von Emotionen beeindrucken ließe, müsste sich dieser sich jeden Monat verschieben. Von daher hatte ich leichte Panik in mir. Was wenn doch etwas winzig Kleines in meinen Bauch bereits heranwuchs? Wenn die Regelblutung genau aus diesem Grund nicht kam? Diese Angst schnürte mir die Kehle zu. Ich will das nicht. Nicht jetzt. Nicht von diesem Mann, den ich noch nicht einmal richtig kenne. Wie würde er reagieren, wenn ich ihm sagen würde, dass ich schwanger bin? Wie würde er sich verhalten? Würde auch er mich zu einer Abtreibung zwingen wollen? Und was würde ich wollen? Ich muss sagen, dass sich meine Ansicht zum Thema Abtreibungen mittlerweile geändert hatte, mittlerweile konnte ich mir vorstellen, mich gegen ein Kind zu entscheiden und eine Abtreibung durchzuführen. Wenn ich wüsste, dass meine Lebensumstände nicht dem entsprechen würden, sofort ein Kind aufzunehmen, ich meinen Gegenüber nicht als die Person ansah, mit der ich ein Leben lang zusammen oder Kontakt halten wollte oder meine psychische Verfassung es nicht zulassen würde, für ein kleines hilfloses Wesen, welches ich erzeugt hatte, zu sorgen, dann würde eine Abtreibung mittlerweile auf jeden Fall in Betracht kommen. Ich bin nicht mehr der selbstlose Mensch, der ich vor Jahren einmal wahr. Ich bin meine oberste Priorität. Aber das war bis jetzt nur reine Theorie gewesen. Vor einer tatsächlichen Entscheidung zu stehen und sich für Leben oder Tod eines fremden Lebewesen, welches die eigene DNA enthält, zu entscheiden, das steht auf einem ganz anderen Blatt. Und auch, ob dir eine andere Person diese Entscheidung einredet oder ob man diese Entscheidung selbst trifft. Ich wollte vor gar keiner Entscheidung stehen. Ich wollte nur nicht schwanger sein. Ich fragte eine Freundin um Rat, wie es für sie war, wenn sie die Pille danach eingenommen hatte. Ja, bei ihr verschob sich die Periode auch immer. Sie konnte mir ein wenig Mut machen und gab mir den Tipp einfach einen Schwangerschaftstest zu machen. Aber ich hatte panische Angst davor. Was, wenn das Ergebnis zwei Streifen wären? Mein Leben würde sich von einer Sekunde auf die andere wegen eines winzigen Streifens ändern. Ich brauchte ein paar Tage bis ich mich mit dem Gedanken angefreundet hatte einen Test zu machen. Ich hatte vom Weg zur Drogerie bis zum Warten auf das Ergebnis ein mulmiges Gefühl. Die drei Minuten, die man warten sollte, bis das Ergebnis eindeutig war, waren schlimm für mich. Das Herz klopfte mir bis zum Hals. Die Erleichterung kam erst, als ich sah, dass nur ein Streifen angezeigt wurde. „Jetzt hast du wenigstens Gewissheit, dass du nicht schwanger bist“, sagte meine Freundin zu mir. Ja, dachte ich mir, endlich Erleichterung. Doch schon am nächsten Tag kamen schon wieder Zweifel in mir hoch. Was wenn der Test ein falsches Ergebnis angezeigt hatte? Wenn man in meinem Urin noch kein HcG (das Schwangerschaftshormon) nachweisen konnte? Ich hatte den Test nachmittags gemacht und im Internet stand, dass die höchste Nachweisbarkeit von diesem Hormon im Morgenurin war. Meine Regelblutung war ja immer noch nicht da und es gab auch noch immer keine Anzeichen, dass sich mein Körper langsam auf die Periode einstellte. Ich fragte eine andere Freundin um Rat, die bereits ein Kind hat. Wie sie gemerkt hatte, dass sie schwanger ist. Sie meinte zu mir, dass sie ihren Zyklus im Blick hatte und das Ausbleiben der Periode ein eindeutiges Zeichen für sie war, dass Leben in ihrem Körper heranwuchs. Sonst hatte sie keine Beschwerden, keine Morgenübelkeit, keine anderen Beschwerden. Das gab mir noch mehr zu denken. Ich konnte auch rein gar nichts spüren, außer eines leichten Ziehens im Unterleib, welches aber ganz anders war als typische Unterleibsschmerzen. Im Internet las ich mich verrückt, googelte welche Anzeichen es für eine Frühschwangerschaft gab (eben auch ein Ziehen im Unterleib). Aber das markanteste Merkmal blieb das Ausbleiben der Periode. Ich las Horrorgeschichten von anderen Frauen, die es einfach nicht gemerkt hatten, dass sie schwanger waren, manche monatelang. Manche bekamen trotzdem weiterhin ihre (vermeintliche) Regelblutung, was sich im Nachhinein als Schmier- und Einnistungsblutung herausstellte. Ich machte zwei Tage später nochmals einen Schwangerschaftstest, dieses Mal am Morgen. Wieder negativ. Wieder Erleichterung bei mir. Aber trotzdem immer noch leichte Zweifel. Was wenn dieser Test auch wieder nicht stimmte? Meine Periode kam weiterhin nicht. Ich rief bei meiner Gynäkologin an um einen Termin zu vereinbaren, das erste was ich mir von der Schwester anhören durfte war, dass es ganz normal war, dass die Regelblutung sich ab und zu etwas verzögerte und ich mir keine Sorgen machen müsste. Sie würden keine Untersuchungen wegen einer verspäteten Periode machen. Ich sollte einfach bis nächste Woche abwarten und nochmal einen dritten Schwangerschaftstest durchführen. Erst als ich die Pille danach ansprach, erwog sie es, dass es doch vielleicht besser wäre, wenn ich einmal vorbeikäme. Ich bekam einen Termin für den Montag. Es war Donnerstag. Wenn ich doch schwanger wäre, würde ich auf jeden Fall abtreiben wollen, so viel stand fest für mich. Auch wenn mir dieser Gedanke Angst machte. Auch wenn ich so eine Entscheidung überhaupt nicht fällen wollte. Aber ich konnte mein Leben nicht von null auf gleich komplett umstellen und ich wollte es auch nicht. Ich rauchte viel in der Zeit. Nikotin und Marihuana. Ich hatte zwischenzeitlich Alkohol getrunken. Wenn ich es auf die Welt bringen würde, würde es sicher behindert auf die Welt kommen. Weil ich mein Konsumverhalten nicht unter Kontrolle bekommen konnte. Ich will es nicht. Ich will es einfach nicht. Die Panik nahm immer weiter zu. Ich schlug mir mehrmals mit der Faust und der flachen Hand auf den Bauch, um das zu zerstören, was dort vielleicht drin ist. Der Gedanke war einfach so angsteinflößend. Die ganzen Tage, an denen ich das Internet durchforstet habe nach möglichen Schwangerschaftsanzeichen, die ganzen Tage hindurch lächelten mich irgendwelche Frauen mit dicken Bäuchen und Babys an, ja die Vorfreude auf neuen Zuwachs ist unglaublich groß. Was für eine Ironie. Für die meisten scheint es nur eine Emotion zu geben, wenn es um das Thema Kinder und schwanger sein geht – Freude. Obwohl es sicherlich für die Hälfte der Frauen eher ein Anlass zur blanken Panik ist. Kann man solche Seiten nicht wenigstens neutral gestalten? Muss mich gleich bei dem ersten Anblick einer solchen Seite Scham- und Schuldgefühle überkommen, weil ich mich nicht freuen kann? Bin ich deswegen eine schlechtere Frau? Weil ich nicht will, das (gegen meinen Willen) Leben in meinem Körper heranwächst? Als wäre man deswegen eine minderwertige Frau. Eine weitere Freundin, der ich mich zögerlich anvertraute, meinte, dass, wenn ich wirklich schwanger sein sollte, sie gute Abtreibungsärzte kennt, da ihre Mutter früher Opfer von Vergewaltigungen unterstützte. Das konnte mich etwas beruhigen. Da ich ja immer noch nicht wusste, wie meine Frauenärztin reagieren würde, wenn ich ihr von meinem Vorhaben im Falle einer Schwangerschaft erzählen sollte. Obwohl es möglich ist in Deutschland Abtreibungen durchzuführen, ist es dennoch ein sehr heikles Thema. Viele Menschen sind dagegen. Frauenärzt*innen, die solche Eingriffe durchführen oder diese nur auf der Webseite als Angebot auflisten, werden bedroht. Ich kann mir vorstellen, dass alleine deshalb nur wenige Frauenärzt*innen eine klare Position dazu vertreten. Weil es ja Mord sein könnte.

Am Freitag schien dann endlich die Erlösung zu kommen, ich konnte Blut in meiner Unterhose erkennen. Es war nicht viel, nicht so viel wie sonst, aber es war trotzdem eine Erleichterung für mich. Als ich am Montag endlich auf dem Stuhl der Gewissheit bei meiner Frauenärztin lag, übergab sie mir die frohe Botschaft: „Ihre Gebärmutter sieht nicht schwanger aus.“ Eine Zyste steckte in meinem linken Eierstock fest. Es kann einige Monate dauern bis sich mein Zyklus wieder normalisieren würde. Ich bekam einen erneuten Termin für Ende Januar, für einen Kontrolltermin, ob sich in der Zeit wieder alles normalisiert hätte. Ich atmete auf, es war wohl doch noch einmal alles gut gegangen. Keine Wahl vor einer Entscheidung. Keine Abtreibung oder ein Kind von jemanden, mit dem doch schon wieder alles vorbei war. Aufatmen.

Zu meiner persönlichen Geschichte kann ich sagen, dass ich ein Mensch bin, der viel Wert auf Verhütung legt, eben weil ich immer die Angst im Hinterkopf habe, dass eine ungewollte Schwangerschaft zustande kommt. Es ist für mich wichtig zu wissen, was in meinem Körper vor sich geht und einigermaßen Kontrolle darüber haben zu können. Vor fünf Jahren habe ich die Pille abgesetzt, weil die Nebenwirkungen teilweise sehr schlimm waren und ich lange Zeit keinen festen Partner hatte und ich nicht dauerhaft verhüten wollte, wenn ich wusste, dass ich gar nicht so viel Sex haben würde wie ich jeden Tag verhütete. Zudem war das Absetzen der Pille ein unglaublicher Befreiungsschlag, ich denke das Gefühl kennen viele Frauen. Ich kann dazu sagen, dass fünf Jahre ohne hormonelle Verhütung gut geklappt haben und ich selten ernsthafte Angst vor einer Schwangerschaft haben musste. Dennoch gab es die beiden einschneidende Erlebnisse in meinem Leben, die mich geprägt haben und eine solche Angst vor einer möglichen ungewollten Schwangerschaft vertieft haben. Es ist nicht so, dass ich niemals Kinder haben möchte, aber derzeit ist es einfach noch so unvorstellbar für mich. Ich habe eine wahnsinnige Angst davor, am meisten vor möglichen Komplikationen, dass ich vielleicht etwas falsches in der Schwangerschaft mache, was dem Baby schaden könnte, aber auch vor den ganzen Schmerzen und Veränderungen, die während der Schwangerschaft und bei der Geburt miteinher gehen. Des Weiteren habe ich Angst vor der Verantwortung, für ein anderes Leben vollkommen da zu sein und dass meine Handlungen, die in der Kindheit eines Menschen passieren, das Leben dieses Kindes für immer (negativ) beeinflussen. Es reichen meist ja nur winzige Kleinigkeiten aus, wenn man nicht genug für das Kind da ist, weil man vielleicht noch andere Dinge zu tun hat und nicht permanent dem Baby zugewandt ist. Wenn man vielleicht (zu viel) Zeit für sich braucht. Und auch vor dem Vater des Kindes, wer wird es sein, wie wird er mich behandeln, wird unsere Beziehung zueinander halten oder werde ich schon während der Schwangerschaft verlassen? Ein Kind dazu noch alleine groß zu ziehen und nie viel Geld zur Verfügung zu haben, das alles macht mir einfach wahnsinnig Angst. Ich bin ja noch jung und habe noch Zeit eine Entscheidung bei diesem Thema zu treffen. Trotzdem ist die Angst stets bei einem, da eine Schwangerschaft trotz Verhütungsmethoden ungewollt entstehen kann. So wirklich wird sie wahrscheinlich nie weggehen. Und auch die Angst davor, Kinder zu haben und sie groß zu ziehen. Zukunftsangst, Angst zu versagen. Als Mutter, als Rolle der Frau. Dennoch denke ich immer wieder darüber nach, wie es wäre ein kinderloses Leben zu führen. Und dass das auch nicht das Ende der Welt wäre.

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